Erinnerung an schlimmste Zeiten – Erfahrung meiner 86jährigen Mama

Heute Vormittag (26.10.2020) habe ich meine 86jährigen Mutter besucht, die zutiefst beunruhigt ist und unbedingt mit mir reden musste. Sie wollte mir etwas erzählen, nachdem sie folgenden Artikel in einer christlichen Zeitschrift gelesen hat. Ich habe meinen Laptop mitgenommen, weil meine Mama mir sagt, dass sie mir etwas Wichtiges mitzuteilen hat und will, dass ich anderen davon berichte.
Der folgende Artikel hat meiner Mutter schlaflose Nächte bereitet:

„Ein schlimme Entwicklung“ aus idea Spektrum – Nachrichten und Meinungen aus der evangelischen Welt. Kommentar zur Stadt Essen, die ein Internetformular bereitgestellt hat. Von Redakteur David Wengenroth.
„Durch die Digitalisierung gehen viele Dinge ganz schnell, die früher mit Aufwand verbunden waren. Das ist manchmal toll – und manchmal tückisch. In Essen hat die Stadtverwaltung ein Internetformular auf ihre Seite gestellt mit dem die Bürger schnell und unkompliziert Verstöße gegen die Coronaschutzverordnung melden können – auf Wunsch anonym und mit Beweisfoto.
Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU) erklärt dazu auf Facebook, der Grund sei das „hohe Beschwerdeaufkommen“, das auf diese Weise besser „abgearbeitet“ werden könne. Weiter schreibt er sinngemäß, es sei doch egal, auf welchem Weg ein Verstoß beim Ordnungsamt gemeldet werden könne.

Anschwärzen wird alltäglich
Ist es aber nicht. Das Tückische an diesem Internetformular ist, dass es die Anzeige angeblicher oder tatsächlicher Rechtsverstöße so einfach macht wie die Bestellung einer neuen Mütze oder das Posten von Urlaubsfotos. Das Anschwärzen von Mitbürgern wird zum selbstverständlichen, alltäglichen Vorgang. Wenn das Schule macht, verwandelt sich unser freies Land in einen Überwachungsstaat.

Nicht nur deshalb kann dieses Internetformular eine schlimme Entwicklung in Gang setzen. Die Pandemie stellt den gesellschaftlichen Zusammenhalt bereits auf eine harte Probe. Und ausgerechnet jetzt macht die Essener Stadtverwaltung jeden Internetnutzer zum potenziellen Hilfspolizisten, der „Uneinsichtige“ melden soll, das ist Gift für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Wenn es Schule macht, wird der Streit über Schutzmaßnahmen gegen Corona noch unversöhnlicher, als er ohnehin schon ist.“

Meine Mama (86) erzählt:
„Ich kann nachts keine Ruhe finden. Ich werde ständig an meine Kindheit erinnert.
Der gleiche Druck wie heute war, zur „Partei“ zu stehen.
Ich bin 1934 geboren. Da habe ich erlebt, wie meine Mutter und Oma immer dem „Blockwart“ – einer Frau – aus dem Weg gegangen sind. Sie hat darauf gewartet, etwas zu „finden“. Wenn sie merkten, dass man gegen die Partei und gegen diese Entwicklung war, dann hat sie das gemeldet.
Diese Frau wollte Pluspunkte bei der Partei sammeln.

Die Frauen sollten Frauenkreise besuchen, um geschult zu werden.
Meine Omi sagte: „Wehe, wenn wir den Krieg gewinnen.“ Hätte die Frau, die als Blockwart dort eingesetzt war, das gehört, wäre meine Omi in den Knast gekommen.

Meine Großtante Martel hatte alle 4 Söhne im Krieg. Zwei sind in Stalingrad geblieben.
Und meine Mutter hatte 4 Brüder und ihren Mann, die im Krieg waren.
Mein Vater war 5 Jahre im Krieg und 5 Jahre in russischer Gefangenschaft.

Da werden die niedrigsten Triebe, die in uns Menschen sind, sichtbar.
Ich erinnere mich an meine Schulzeit. Wenn da ein „Petzer“ war, der war unten durch.
Der konnte nur die Flucht ergreifen!

Das möchte ich das unserem Bürgermeister sagen, der stolz ist, dass jetzt die Bundeswehr zum Einsatz kommt, um „Petzer“ zu sein. Ich bin entsetzt!

In der Zeit der Not – Krieg, Flucht, in der Zeit der Besatzung durch Polen und Russen – da sind wir zusammengerückt!!! Jetzt sollen wir Abstand nehmen.
In unserer Straße, in unserem Block, da rückten die Frauen zusammen und haben sich gegenseitig geschützt.
….
Doch dann war der Krieg vorbei – fast!
Mein Großvater wurde von solchem „Blockwart“ in der letzten Nacht des Krieges erschossen –
von „deutschen Feldjägern“.

Er hatte gehört, dass die Russen kommen. Er war schon bereit, die Friedensfahne zu schwenken. Wir wohnten in einem großen Haus mit meiner Mutter und Tante und den Kindern und Oma und Opa.

Mein Opa hörte Motorgeräusche und ging raus. Doch es war noch ein Auto von den Deutschen. Opa hat sich die Fahne schnell unter die Jacke gesteckt, doch sie ist rausgefallen. Natürlich durfte keiner behaupten, der Krieg sei verloren. Daher haben die Feldjäger entschieden, meinen Opa zu erschießen. Das einzige, was sie ihm noch erlaubt haben war, für seine Familie zu beten.

Mein Großvater lag noch vor der Tür, als ein weiteres Fahrzeug kam. Da erst saßen die Russen drin.
Sie waren erschüttert, als sie erfahren haben, was zuvor passiert ist. Daher haben sie meiner Großmutter einen Schein ausgestellt. Durch diesen Schein wurden meine Oma und alle Frauen aus meiner Familie vor jeglicher Gewalt und Raub und Vergewaltigung von Russen geschützt.

Ein Bericht von Cornelia


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